Podium bei der Ironman 70.3 WM

Nach Zell am See und dem Erdinger Herbstfest ging es für mich nach vielen Wochen erstmals wieder zurück nach Hause. Genauer gesagt, in mein neues Zuhause; seit ein paar Wochen wohne ich nämlich wieder in meiner alten Heimat Heidelberg.

Ich freute mich sehr, die neue Wohnung in Besitz zu nehmen, die Philipp in meiner Abwesenheit ausgesucht hatte und einen kleinen Moment durchzuschnaufen.

Genau ein Tag blieb mir dafür, bevor es schon wieder los nach Chattanooga in die USA zur Ironman 70.3 WM ging. Immerhin bekam ich einen süßen Vorgeschmack auf den schönen Ort, der mich nach meiner Rückkehr wieder erwarten würde, denn dann werde ich zumindest für 3 Wochen bleiben können, bevor ich erneut in einen Flieger über die großen Teiche zu einem weiteren Abenteuer aufbreche.

In Chattanooga angekommen, wurde ich von einem heftigen Sturm und anhaltendem Regen begrüßt. Die Stadt mit ihrem industriellen Baustil und einem Hauch von Südstaatenflair machte auf mich erstmal keinen so guten Eindruck. Es war schwül, es regnete durchgehend und alle Menschen, die ich auf der Straße sehen konnte, waren dick. Welcome to America, dachte ich. Wo soll den hier eine Triathlonweltmeisterschaft stattfinden?

Nach ein paar Tagen mit Sonnenschein und nach dem Erkunden der Wettkampfstrecken änderte ich meine Meinung grundlegend. Chattanooga hat wunderschöne Ecken und die Natur außerhalb der Stadt ist vielfältig, weitläufig und interessant.

Auch die Strecken gaben ihre Tücken preis: Der große Tennessee River z.B. ist ein brauner, erdiger Strom, der sich mit sehr warmen Wasser und reichlich Strömung durch die Landschaft schlängelte. Mir schwante Böses für den Renntag, da der größte Teil der 1.9Km Schwimmstrecke entgegen die Strömung zu absolvieren war.

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Die 90Km Radstrecke war jedoch Liebe auf den ersten Blick. Nach ca. 10 Km war man bereits aus der Stadt hinaus und befand sich mitten in dem längsten Anstieg hinauf zum Lookout Mountain. Eine durchaus stattliche Erhebung, die mit ihrem ca. 5 Km langen Anstieg die Vorfreude auf den Renntag in mir wachsen lies. Der Rest der Strecke verlief wellig bis flach jedoch immer wieder angereichert mit ein paar technisch harmlosen, aber schnellen Abfahrten durch das bewaldete Hinterland. Ich freute mich besonders auf den Radpart, da ich mir durch das wellige Profil ein faires Rennen in Bezug auf das Windschattenfahren erhoffte, anders als es letztes Jahr in Australien der Fall war. Ich wusste, dass ich nach meinem Schwimmen erneut eine Aufholjagd starten müsste, wenn ich um die Vergabe der vorderen Plätze ein Wörtchen mitreden wollte.

Mit der Laufstrecke erging es mir ähnlich. Mehrfach brachte sie mir im Vorfeld ein Lächeln ins Gesicht. Sie war wirklich verrückt. 21Km ein ständiges Auf und Ab und einige sehr lange Anstiege, ließen mich erahnen, das dies einer der anspruchsvollsten Halbmarathons meiner Karriere werden würde, dessen Profil auch den Rennverlauf maßgeblich beeinflussen könnte.

Klar war, dieses Rennen würde definitiv erst im Ziel zu Ende und entschieden sein und ich bereitete mich auf eine lange Aufholjagd vor. Mein oberstes Ziel sollte es sein, bis zum Ende geduldig zu bleiben und niemals negative Gedanken aufkommen zu lassen.

So viel zur Theorie.

In der Praxis kam es dann zumindest teilweise anders als erwartet.

Nach einem Kopfsprungstart von einem Steg, auf welchem wir in der Reihenfolge des 70.3 Rankings aufgereiht wurden, ging das Schwimmen im Tennessee River los.

Leider erwischte ich nicht die Gruppe, in der ich mich von meiner aktuellen Schwimmleistung hätte wiederfinden müssen, stattdessen fand ich mich in einer Gruppe dahinter wieder. Durch die Strömung, das Neoprenverbot und Probleme bei der Orientierung im Feld, gelang es mir nicht, mich aus der Gruppe zu lösen. So musste ich einen Rückstand von über 4 Minuten auf die schnellsten Damen hinnehmen.

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Koruptvision/austrimag

Mit einem guten Wechsel startete ich meine Aufholjagd auf dem Rad. Ich hatte mir fest vorgenommen, den Berg nicht zu hart zu fahren, damit mir auf den entscheidenden flacheren Kilometer nicht der Druck fehlen würde. Dies gelang mir gut und ich konnte eine Athletin nach der anderen überholen. Am Anstieg bekam ich erste Informationen über meinen Rückstand von Philipp: Daniela Ryf war den anderen Damen zu diesem Zeitpunkt bereits um mehrere Minuten enteilt und hinter ihr hatte sich eine große Gruppe gebildet. Ich vermutete einen ähnlichen Rennverlauf wie letztes Jahr in Australien. Mein Ziel war nun zu versuchen die Gruppe, welche alle weiteren Favoritinnen und guten Läuferinnen enthielt, aufzufahren. Ich wollte mit ihnen gemeinsam auf die Laufstrecke starten können.

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Koruptvision/austrimag

Nach ca. 60 Km gelang mir mein Vorhaben und ich fand mich plötzlich in bester Gesellschaft wieder. Namen wie Helle Frederiken, Annabel Luxford, Heather Wurtele, Jeanny Seymour, Emma Pallant, Sarah True u.a. fuhren nun aufgereiht hintereinander und vor mir her. Kurze Zeit besah ich das Treiben, bevor ich beschloss nach vorne zu fahren, um das Tempo diktieren zu können. Das Streckenprofil war jedoch zu flach, um mit meinem Gewicht eine entscheidende Attacke setzten zu können. So fuhren die anderen Damen einfach an meinem Hinterrad mit.

Dennoch entschied ich mich für die riskante Variante die Führung zu übernehmen und meinen Beinen deutlich mehr Schmerzen zuzufügen, als wenn ich mich in der Gruppe für das Laufen ausgeruht hätte. Diese Entscheidung führte jedoch dazu, dass ich mich plötzlich an zweiter Position im Rennen fand, was ein sehr gutes Gefühl war.

Daniela Ryf war zu diesem Zeitpunkt schon so weit enteilt, dass ein weiter Sieg für sie nur noch Formsache war. Schade, dass die anderen Frauen nicht motiviert waren, zumindest den Versuch zu starten, Daniela nicht noch weiter enteilen zu lassen. Vielleicht muss man am Ende aber auch anerkennen, dass sie einfach in einer anderen, ihrer eigenen, Liga unterwegs ist und ich auf dem Weg zur zweiten Wechselzone zwar die zweitschnellste Radzeit des Tages gefahren bin, trotzdem ganze 5 Minuten langsamer unterwegs war als sie.

Das Gefühl, als zweite Frau bei einer WM vom Rad zu steigen, war jedoch trotzdem einmalig. Die Kameras, die Motorräder und besonders die Zuschauer entlang der Strecke sorgten für eine wahnsinnig gute Atmosphäre und mein Körper war voller Gänsehaut.

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Koruptvision/ austrimag

„Jetzt bloß nicht zu schnell loslaufen“, war alles,  auf was ich mich zu konzentrieren versuchte. Meine Gedanken kreisten um all die starken Läuferinnen hinter mir und ich ermahnte mich, mich von nun an nur noch auf mich selbst zu konzentrieren und meine Energie nach vorne zu richten. Mögen die besten Beine und der stärkste Kopf entscheiden.

Den ersten Kilometer verbachte ich noch an Position 2, doch schon im ersten langen Anstieg flog die Britin Emma Pallant von hinten heran, die für sich sicher den smartesten Rennverlauf gewählt hatte, in dem sie sich in der Gruppe beim Radfahren lange schonte.

Ihr Tempo war enorm und ich überlegte kurz, ob ich versuchen sollte ihr zu folgen, entschloss mich jedoch dagegen, da ich erstmal eine der zwei zu laufenden Runden absolvieren wollte, um nicht am Ende hochzugehen.

Mit zunehmenden Renndauer ergab sich eine spannende Konstellation: Nachdem ich Emma ziehen ließ, hatte sie schnell einen Vorsprung von ca 1:30 min, der den Rest des Rennverlaufes gleich bleiben sollte. Direkt hinter mir gruppierten sich jedoch drei schnelle Läuferinnen zusammen, die mir eine lange Zeit im Abstand von 30 sek folgten.

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Koruptvison/ austrimag

Glücklicherweise habe ich mich zu keinem Zeitpunkt umgedreht, sonst hätte ich gesehen, wie dicht sie mir auf den Fersen waren. Meine Strategie, mich nach vorne zu orientieren und mich auf mich und meine Technik zu konzentrieren, klappte. Berg hoch musste ich  zwar kämpfen, versuchte jedoch so wenig Energie wie möglich aufzubringen. Bergab lies ich es laufen und schaffte es sogar, mich zu entspannen und ein Stück weit zu erholen. Durch diesen ständigen Wechsel verging der Halbmarathon erstaunlich schnell und ich war beflügelt von dem Gefühl, immer noch auf Podiumskurs bei meiner zweiten 70.3 WM unterwegs zu sein.

Meine Gedanken kreisten auch um meine Familie und meine Freunde, die Zuhause vor dem Livestream mit mir mitfieberten, um den leider inzwischen verstorbenen Burkhard Barsikow, der mich vor wenigen Wochen noch neu auf mein Rad gesetzt hat und dem ich eine schnelle und schmerzfreie Position zu verdanken habe, um Wolfgang Schweim, der mir eine neue Welt des Laufens eröffnet hat, um meine Sponsoren, die mich auf meiner Reise unterstützen und an mich glauben und um Philipp, meinen Freund und Trainer, der die weite Reise nach Chattanooga auf sich genommen hat, um mich optimal zu unterstützen.

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Peter Jacob/Spomedis

All diesen Menschen wollte ich etwas zurückgeben und so konnte ich mein Tempo auf den letzten Kilometern sogar nochmal anziehen und meinen Vorsprung auf meine Verfolgerinnen ausbauen, so dass ich ungefährdet mit ca 2 Minuten Puffer in den Zielkanal zu meinem ersten Weltmeisterschafts Podium einbiegen konnte.

Ich saugte sie tolle Stimmung auf und hatte Tränen in den Augen. Dies war die Krönung meiner bisher schon besten Saison und der Lohn für all den Fleiß und die Power, die wir täglich in mich und meinen Sport stecken.

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Peter Jacob/spomedis

Die Tatsache, dass erstmals ein eigenes Frauenrennen ausgetragen wurde machte den Tag für uns Frauen zu etwas sehr Besonderem und wir genossen die volle Aufmerksamkeit, die wir dadurch bekamen. Ich hoffe, dass in Zukunft immer mehr Rennen in diesem Format ausgetragen werden.

Nachdem wir Frauen vorgelegt hatten, waren einen Tag später die Männer an der Reihe. Es war super, mit müden Beinen und glücklich über meinen Erfolg, das Rennen aus der Zuschauerperspektive zu verfolgen und die Jungs anzufeuern.

Meine Rückreise aus den USA gestaltete sich auf Grund des Sturmes Irma leider viel länger als geplant. Viele Flüge wurden gestrichen oder umgelegt, so dass meine Heimreise mehr als 30h dauerte. Endlich in Heidelberg angekommen kapitulierte mein Immunsystem und ich bekam eine ziemlich heftige Erkältung, die mich einige Tage ans Bett fesselte.

Meinen Start bei der Challenge Davos musste ich absagen, aber ich nutze die Zeit, um mich in unserer Wohnung einzurichten und endlich anzukommen.

Nachdem ich nun wieder fit bin, liegt mein Fokus in den nächsten Wochen nochmal voll auf der Vorbereitung für die X-Terra-WM auf Maui am 29.Oktober. Ich werde somit viel auf dem MTB trainieren und auch im Laufen meine offroad Technik verbessern. Mein Training wird insgesamt sprintlastiger und wir werden versuchen nochmal eine ordentliche Prise Speed einzustreuen. Bevor es soweit ist, werde ich mir in diesem Jahr erstmals den Ironman auf Hawaii vor Ort anschauen. Ich bin gespannt auf meine Eindrücke und werde diese mit Euch teilen.

Ich danke Euch allen fürs Mitfiebern und Daumendrücken, es macht mir große Freude meinen Erfolg und meine Reise dorthin mit Euch zu teilen!

Bis bald,

Eure Laura